Und wieder ein Blogroman…

Man könnte fast meinen, ich hätte nach einem Gegenstück zu Sechzig Grad gesucht. Nach dem Frauenroman in Echtzeit ein Männerroman?
Nicht wirklich.

Wrangelstraße

Der Autor heißt Sebastian Kraus. Er lebt in Berlin. In Kreuzberg. In der Wrangelstraße. Und wie das Leben im Wrangelkiez so war und ist, davon berichtet er in seinem Blogroman.

Im Zentrum der komplex angelegten Handlung und Geschichte des Blogromanes stehen Leben und Alltag der Menschen in Kreuzberg, geht es um Liebe, Kunst und Politik in der Zeit vor und nach dem Mauerfall in Berlin.

Anhand wirklicher und fiktiver Ereignisse, Begebenheiten und Personen wird dabei die Geschichte des Wrangelkiezes und seiner Bewohnerinnen und Bewohner von den Achtziger Jahren bis in die Gegenwart hinein verfolgt und erzählt.

Neben Alltagsbeobachtungen- und Geschichten soll hierbei auch der Einfluss der “Großen Geschichte“ auf das konkrete Leben und Schicksal der Menschen thematisiert werden, geht es auch um Ereignisse wie den Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands oder aber die Kreuzberger Mai-Unruhen im Jahre 1987.

Parallel dazu soll ein zeitgeschichtliches Portrait der 81er -Generation in ihrem damaligen Aufbruch zwischen Hausbesetzungen, Autonomie und “Gefühl und Härte“, ihren Sehnsüchten, Wünschen und Zielen und ihrer späteren Entwicklung entstehen.

aus: Informationen zu Text und Projekt

Die Herausforderung für den Autor und das Interessante für den Leser ist in erster Linie die zeitnahe Veröffentlichung der Romanteile. Es bleibt nicht viel Zeit zum Korrigieren und Überarbeiten der Texte, wie bei einem gedruckten Buch.
Gedacht, Geschrieben, Geblogt.
Natürlich kann vor der gedruckten Variante die Struktur und der Inhalt noch einmal überarbeitet werden, aber in diesem Ursprungsmedium des Blogs bleibt es “gedruckt”.
Und dieses Experiment gelingt Sebastian Kraus wirklich überzeugend.

Sein Stil ist flüssig und verbreitet eine angenehme Athmosphäre. Der Wechsel zwischen philosophischer/politischer Betrachtung und dem Geschichtenerzählen wirkt nicht abgehackt oder störend, sondern bringt angenehme Abwechslung beim Lesen.

Dass es die Texte nicht als PDF zum kostenlosen Download gibt, stört mich nicht wirklich. Für diesen Roman würde ich später auch lieber ein paar Euro hinlegen, um es als gebundene Ausgabe im Regal zu haben.
Das einzig störende an der Seite ist die Schriftgröße. Für einen Roman, den man ausschließlich online lesen kann, ist die Schrift für mich ein paar Pixel zu klein geraten. Es mag zwar minimalistisch schöner aussehen, nur ab einer Auflösung von 1280×800 wird das Lesen ein wenig anstrengend.
Ich nutze deshalb mein geliebtes Readability, um das “Buch” zu genießen.

Dieser Blogroman gehört für mich mittlerweile zur Pflichtlektüre.
Und vielleicht sollte Herr Wowereit auch mal einen Blick in dieses Buch werfen, über Gentrifizierung nachdenken und darüber, wie schön Berlin im Kern ist, was unsere Stadt so besonders macht.
Die Berliner, die diese Stadt prägen und lebendig machen, wohnen eben nicht im neuen Prenzelberg oder Schöneweide…

5 Kommentare zu “Wrangelkiez – Der Blogroman”

  • Geheimrat sagt:

    Kennst Du den Autor?
    Oder beim Surfen darüber gestolpert?
    Diese Online-Romane scheinen in Mode zu kommen …
    Mal sehen, ob Herr Wowereit Deinen Blog liest ;-) Lohnenswert wäre es ja! Sei herzlich gegrüßt.

    • iRead sagt:

      Nee…ich kenne ihn nicht. Bin glücklicherweise auf meiner Reise durch die Berliner Blogs über ihn gestolpert..und seitdem nicht mehr davon weggekommen…ich liebe einfach dieses Berlin der 80er Jahre…und hoffentlich erlebt dieses politische Berlin gerade sein Revival.

      Blogromane werden wirklich modern…auch wenn es in meinen Augen immer noch eine der größten Herausforderungen für einen Autor ist.

      Ich glaube, selbst wenn unser Wowereit das liest, realisiert er immer noch nicht, dass er gerade dabei ist, DAS Berlin zu ruinieren…denn hier war immer das Soziale wichtiger als das Finanzielle…

  • lenorl sagt:

    Ich merke jetzt in diesem Moment dass ich deinen Blog wesentlich öfter aufrufen sollte – da kommt man wirklich auf geniale Einfälle

  • joqi sagt:

    Heftig! Sowas hatte ich gar nicht fur denkbar gehalten

  • Ferkelchen sagt:

    Ich bemerke gerade in diesem Moment, dass ich xn--bcher-online-lesen-m6b.de wesentlich öfter besuchen müsste ;-) – da komme ich wirklich auf geniale Ideen

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