Es wird wieder lyrisch

Apollo mit einer Lyra



Nachdem ich in letzter Zeit die größeren kostenlosen Lese-Portale vernachlässigt habe, kümmere ich mich diesmal wieder um eines der größeren Projekte:

Die deutsche Gedichtebibliothek.

Den Untertitel “Gesamtverzeichnis deutschsprachiger Gedichte” finde ich persönlich etwas gewagt, vor allem weil die Gedichte, für die keine Veröffentlichungsrechte vorliegen älter als 70 Jahre sein müssen. Und da die Seite sich im ständigen Aufbau befindet…aber gut, wir wollen ja nicht kleinlich sein :-)

Ich als Lyrikbegeisterter könnte mich stundenlang auf dieser Seite verlieren.
Laut eigener Aussage befinden sich derzeit über vierzigtausend Gedichte im Fundus der Bibliothek. Das sollte für ein paar Tage reichen.

Den Großteil der versammelten lyrischen Ergüsse machen natürlich die klassischen Wortakrobaten aus, wie z.B.
-
Goethe
-
Eichendorff
-
Rilke
oder
Storm.

Zu jedem Dichter gibt es zusätzlich eine Kurzbiografie und ein Foto des Schreiberlings.
Sehr gut finde ich auch, dass Gedichtbände noch einmal gesondert erwähnt und aufgelistet werden.

Leider fehlen wieder einmal genaue Quellenangaben.

Wenn man genauer hinsieht entdeckt man auch ab und zu ein besonderes Schmankerl der Seite, das hoffentlich in nächster Zeit zunimmt. Neben Goethes “Abendlied” beispielsweise kann man einen kleinen Lautsprecher erkennen, der nach Betätigung auf die vorgelesene Variante des Gedichts verweist.
(Kleiner Tipp an die Seitenbetreiber: ich würde das bei der Einzelansicht der Gedichte auch vermerken)

Neben den Klassikern besteht für die Schreibenden unter den Besuchern der Seite auch die Möglichkeit eigene Gedichte in der Bibliothek zu veröffentlichen.
Diese findet man dann unter
Zeitgenössisches. Warum das Mindestalter auf 21 Jahre beschränkt ist, wüsste ich zwar gern, aber die Redaktion hat sicher plausible Gründe dafür.
Unter den selbst veröffentlichten Gedichten finden sich, dank redaktioneller Bearbeitung, auch ab und zu kleine Lyrikperlen.

Das Design der Seite erinnert mich im ersten Moment ein wenig an eine Tageszeitung, aber gerade das empfinde ich als positiv. Schlichte Farben, gut lesbare Schrift und Werbung findet sich auch nur auf der rechten Seite, die sich mit einem guten Werbeblocker auch verbergen lässt.
Eine gute Idee, aber momentan eher etwas störend, ist das Verlinken bestimmter Tags innerhalb eines Gedichts. Wenn das “getaggte” Wort nicht dauerhaft, sondern nur beim “Mouseover” unterstrichen wird, dann würde es den Lesefluss nicht stören.
Ansonsten finde ich die Navigation der Seite sehr gelungen. Tag-Funktionen, Zufallsgedichte, Autorenverzeichnis und auch die Rubrik “Selten gelesen” machen das Schmökern abwechslungsreich und angenehm.

Für die Interaktion zwischen Seite und Leser kann jedes Gedicht kommentiert und mit bis zu vier Sternen bewertet werden.

Neben der Kommentar- und Druck-Funktion findet sich natürlich auch der fast schon obligatorische Social-Bookmarks-Link.

Ein sehr nützliches Lexikon für die Analysten, Schüler oder Studenten unter den Lesern bietet die Fachtermini-Sektion, in der die wichtigsten Begriffe der Lyrik-Analyse erläutert werden.

Mein Fazit:
Für alle, die nach kostenloser Lyrik im Internet suchen, sollte diese Seite die erste Anlaufstelle sein.
Design: gut. Inhalt: gut. Nutzerfreundlichkeit: gut.

 

Abschließend noch eines meiner Lieblingsgedichte:

Die Nacht

Wie schön, hier zu verträumen
Die Nacht im stillen Wald,
Wenn in den dunklen Bäumen
Das alte Märchen hallt.

Die Berg im Mondesschimmes
Wie in Gedanken stehn,
Und durch verworrne Trümmer
Die Quellen klagend gehn.

Denn müd ging auf den Matten
Die Schönheit nun zur Ruh,
Es deckt mit kühlen Schatten
Die Nacht das Liebchen zu.

Das ist das irre Klagen
In stiller Waldespracht,
Die Nachtigallen schlagen
Von ihr die ganze Nacht.

Die Stern gehn auf und nieder -
Wann kommst du, Morgenwind,
Und hebst die Schatten wieder
Von dem verträumten Kind?

Schon rührt sichs in den Bäumen,
Die Lerche weckt sie bald -
So will ich treu verträumen
Die Nacht im stillen Wald.

Joseph Freiherr von Eichendorff

 

Viel Spaß beim Stöbern!

3 Kommentare zu “Die Deutsche Gedichtebibliothek”

  • Goethe sagt:

    Ein sehr schönes Gedicht von Eichendorff – weil es sich reimt ;-) Ich habe mal auf der Seite gestöbert und wieder einmal festgestellt, wie schwer ich mich mit moderner Lyrik tue. Doch es gibt sie, die Perlen … Dass Deine Beschreibung wieder einmal sehr kompetent ist, erwähne ich gar nicht mehr extra. Ist ja schon Standard :-)

    • iRead sagt:

      Genau, es ist nur schön, weil es sich reimt…Inhalt ist mir auch egal*g*

      Moderne Lyrik folgt keinen Konventionen mehr und deshalb denken viele Menschen, sie müssten nur ein paar Wörter aufschreiben und in Zeilen und Verse aufteilen und *schwupps* es ward Lyrik…
      Deswegen sag ich ja…ein paar Perlen*g*

      Danke für das Lob, ich hör es doch immer wieder gern ;)

      P.S.: Ich habe die Zeichen der Zeit erkannt und auch in den Links “der Woche” geändert….was so eine Konzeptänderung so alles mit sich bringt*g*

  • Das “schwupps, es ward Lyrik” hat aber nichts mit dem Reim zu tun. Es gab schon immer Dichterlinge, die so dachten, weil sie Liebe auf Triebe reimten wird es Lyrik. Und es gibt wunderbare lyrische Gedichte ohne Reim, und zwar nicht nur jetzt, sondern vom 18. Jahrhundert an. Ich denke besonders an C.F.Meyer…
    Ich selber habe letztes Jahr “Gedichte” von Erich Fried, ca. 140 an der Zahl (gereimte und ungereimte), in das Portugiesische übertragen und veröffentlicht. (ich bin Brasilianer, lebe in Nova Petrópolis in dem Staate Rio Grande do Sul, der stark von deutscher Einwanderung geprägt wurde, und Deutsch ist mir Muttersprache). Schon darunter (unter den Originaldichtungen…) sind viel mehr als “ein paar” Perlen!

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