Nett gedacht, schlecht gemacht

 

Gutenberg
Dieses Projekt kennt wahrscheinlich jeder, der schon einmal klassische deutsche Literatur im Internet gesucht hat. Gibt man beispielsweise „goethe werther“ bei Google ein, erscheint an vierter Stelle der Link zum Text bei Gutenberg-DE. Stellt sich nur die Frage, ob der Erste auch der Beste ist.


Erst einmal ein paar Worte zur Geschichte.
1994 gründete der Informatiker Gunter Hille das Projekt, das bewusst den Namen in Anlehnung an das internationale Project Gutenberg wählte. Außer dem Namen und dem Urgedanken haben die Projekte nur wenig gemeinsam.

Anfangs noch ein kleines, idealististisches Hobby (erstes Buch: Max und Moritz), wird das Projekt seit 1995 unter der Firma Hille+Partner GbR geführt und digitalisiert und veröffentlicht Werke, deren Copyright abgelaufen ist. (70 Jahre nach dem Tod des Verfassers bzw. des Übersetzers bei ausländischen Werken erlischt das Copyright des Buches)
Die Finanzierung erfolgt hauptsächlich über Werbung und Sponsoren. Wobei die Einnahmen aus anderen Bereichen in den letzten Jahren zunehmen. Neben dem hauseigenen Online-Shop, der u.a. eine DVD mit dem Gesamtbestand und eigene Bücher-Editionen anbietet, kann man sich für 1,99€ Handy-Bücher bestellen. (Naja, wer’s braucht ;) )
In Zusammenarbeit mit dem HörGut! -Verlag und soforthoeren.de vertreibt Gutenberg-DE außerdem noch Hörbücher.
Seit 2002 hat das Projekt Gutenberg-DE bei Spiegel-Online sein neues Zuhause (vorher von AOL gehostet). Der neue Sponsor stellt dem Projekt einen Rechner zur Verfügung, übernimmt die Kosten für die Internetanbindung und gibt technische Unterstützung.
Die auf der Seite erwähnten “harten Kosten wie Miete, Buchkauf, Geräte usw.“ dürften somit ganz gut gedeckt sein.

Nun aber zum Inhalt.
Gutenberg-DE beziffert den digitalisierten Bestand (Stand Dezember ’08) mit mehr als 4.800 Büchern, ca. 20.000 Gedichten, 1.800 Märchen, 1.200 Fabeln und 3.500 Sagen.
Damit bietet das Projekt derzeit das größte Angebot im Netz, was die deutschsprachige Literatur betrifft.
Nur ist Masse leider nicht gleich Klasse.

Was mich als Leser in erster Linie stört, ist ganz klar das Design der Seite.
Der mickrige Text (12 pt, Arial), der außerdem nur im html-Format verfügbar ist, verschwindet hinter viel zu vielen bunten Randerscheinungen, sprich die bunte Werbung nervt beim Lesen. Deswegen bleibt mir nur die Option, den Text zu kopieren und in einem Texteditor größer und weniger von bunten, blinken Bildchen abgelenkt zu lesen.
Nur wird das auch nervig, wenn man ständig markieren und kopieren muss.
Da wären wir auch schon beim Hauptproblem:
Die Texte sind viel zu stark, ohne Rücksicht auf die Texteinheit, zerstückelt und komplett herunterladen darf man nicht.
Ein wenig paradox, liebe Betreiber. Das Projekt soll dem Bibliophilen copyright-freie Literatur zugänglich machen, erhebt aber gleichzeitig einen uhrheberrechtlichen Anspruch auf alle Inhalte des Gutenberg-DE-Projekts. Soviel zum Thema: “freier Zugang”…

Die Digitalisierung der Texte übernimmt größtenteils das Projekt Gemeinsam an Gutenberg arbeiten ( www.gaga.net ). Hier kann jeder Korrektur lesen, der sich angemeldet hat. Was natürlich zu mehr Fehlern führt, als ein vernünftiges Lektorat.
Dies und die Tatsache, dass Originalquellen nicht angegeben werden, verhindert jegliche Verwendung der Texte zum wissenschaftlichen Arbeiten.

Ergo: man kann die Texte schwer lesen, umständlich drucken, darf und kann sie nicht zur wissenschaftlichen Arbeit nutzen und auf den eigenen Rechner laden ist auch nicht erlaubt. Irgendwie traurig…

Aber zumindest bleibt uns noch die Möglichkeit, Textstellen für E-mail, Forum, Blog oder Chat zu kopieren.
Sehr nett. Und dafür der jahrelange zeitliche und finanzielle Aufwand?

Mein Fazit :

Gutenberg-DE umfasst den wohl größten Datenbestand digital-erfasster, deutschsprachiger Literatur, nur leider nutzt mir das, als papierverwöhnten Bibliomanen, nicht viel, wenn die Grundlage für Literatur derart missachtet wird: Lesbarkeit .

Der Grundgedanke des Projekts, Literatur frei und für alle zugänglich zu machen, scheitert an dieser doch sehr merkwürdigen Copyright-Politik der Firma Hille+Partner .
Die Seite ist derzeit maximal geeignet zum Stöbern in klassischer deutscher Literatur.
Man kann alte Schätzchen entdecken, um sie sich entweder woanders im Internet komplett zu besorgen oder das gute alte Buch zu kaufen.
Da es mittlerweile mehr als genug wirklich freie Literatur im Internet gibt, glaube ich nicht, dass Gutenberg-DE so noch lange bestehen kann … Schade eigentlich.

Link:

Gutenberg-DE


 

 

4 Kommentare zu “Projekt Gutenberg-DE”

  • hansen sagt:

    Ich will unbedingt mal ein paar neue Schätze entdecken.
    Das ist doch die Möglichkeit des Internets, oder? Wie sieht es denn mit Webseiten aus, die unbekanntere Autoren vorstellen?
    Ich freue mich auf deine Tipps

    • iRead sagt:

      Das ist in meinen Augen auch der SINN des Internet…freier Informationsaustausch ;)
      Die ersten Blogs bewerten erstmal die “Bibliotheken” mit den bekannteren Autoren.
      Die Plattformen für die unbekannten kommen auch bald. Ich denke, ich streue einfach
      zwischendurch mal kleine Tipps ein.

  • hansen sagt:

    Ich freue mich auf den nächsten

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